Social Networks sind mehr als ein Medienkanal – Beispiel USA

Über Turi fiel mir heute eine Pressemeldung im Wall Street Journal folgende auf:

Am 20. April besucht Barack Obama, Washington DC,  44. US Präsident das Headquarter von Facebook in Palo Alto, Californien. Dort wird er in einer Live-Konferenz mit Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg (COO von Facebook) über seine Wirtschaftspolitik diskutieren und auch Fragen der Facebook User beantworten.

Das uramerikanische Modell des Town Hall Meeting findet seine Ergänzung in Facebook. Obama nutzt das Social Network Facebook um für seine Politik zu werben und damit deutlich mehr zu erreichen, als über klassische Medien. Die Chance der Partizipation – mit eigenen Fragen Teil der Diskussion zu werden – ist nicht auf Social Network Plattformen begrenzt, dafür aber dort beheimatet. Klassische Medien nutzen diese Methode eher weniger. Das mag am journalistischen Selbstverständnis liegen, oder schlichtweg daran, das man bei den klassischen Medien sich an diese Form der Bürgerbeteiligung noch nicht gewöhnt hat.

Die Nachrichten hinter der Nachricht

Politik direkt erklären können: Obama steht mit seiner Wirtschaftspolitik vor schwierigen Entscheidungen und hat davon auszugehen, das die Republikaner jede Chance nutzen werden seine Entscheidungen zu unterlaufen. Für teure Medienkampagnen fehlt ihm sowohl das Geld als auch die Unterstützung vieler Medienunternehmen. Dafür kennt er wie kein anderer Politiker die Wirkung von Web 2.0. und die Möglichkeiten darüber die öffentliche Meinung direkt zu beeinflussen. Niemand hat in der Vergangenheit den direkten Kontakt zu Wählern und Interessierten so gekonnt genutzt wie Obama in seinem Wahlkampf. Auch wenn Obama eine zweite Präsidentschaft anstrebt – Politik muss täglich erklärt werden, insbesondere wenn sie mit unangenehmen Entscheidungen verbunden ist. Im permanenten Wettstreit um die öffentliche Meinung wird Social Media – und ganz besonders ein Netzwerkgigant wie Facebook – zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Social Media ist nicht nur im Wahlkampf wichtig: Politik muss dann erklärt werden, wenn sie gemacht wird. Und das ist in aller Regel nach Wahlkämpfen. Ob es nun um die Alternativen der Opposition geht oder um die Entscheidungen der Regierung ist nicht das entscheidende. Wichtiger ist, Gehör zu bekommen und Zustimmung zu produzieren. Das gilt in einem Umfeld in dem der Bürger mehr Teilhabe fordert, um so stärker. Die Erkenntnis das kaum jemand gewählt werden wird, der die Menschen nicht erreicht wird kann um die Erkenntnis ergänzt werden, das dies nicht zur zu Wahlzeiten gilt. Und Menschen zu erreichen wird immer mehr auch ein Thema von Social Media  –  auch in Deutschland.

Wen könnte Frau Merkel besuchen, um die Menschen zu erreichen? Unterstellen wir, das Social Media auch hierzulande wichtiger wird – auch wenn das noch nicht im Tagesgeschäft der Politik angekommen ist. Für den US Präsidenten ist der Weg quer durch die USA leichter als für Frau Merkel. Sie würde sich schwerer tun. Letztlich gibt es in Deutschland kaum mehr als ein Verkaufsbüro für Werbung. Und ob es für Facebook interessant ist, den Politikern der Welt die eigene Reichweite zur Verfügung zu stellen, ist eine sehr offene Frage. Who is Merkel? Die Alternativen in Deutschland sind wkw und die VZs, beide nicht für diesen Anspruch gerüstet und zudem Unternehmen von klassischen Medienhäusern.

Die deutsche Politik hat es schwerer. Kein Zugriff auf Plattformen, die verpflichtet werden könnten, Wahlkampfspots zu schalten. Keine deutschen Plattformen in der Reichweite und Leistungsqualität von Facebook. Keine direkten Kontakte über ehemalige Mitarbeiter in entscheidenden Plattformen. Dafür  jede Menge politischen Erklärungsbedarf. Für die Politik in deutschen Landen bleibt nur die Ochsentour, sich die nötige Reichweite mit langem Atem selbst aufzubauen und aktiv und interessiert zu halten. Und darauf ist sie noch schlecht vorbereitet.

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